Biikebrennen auf Sylt

Ein frostiger Wind lässt die Wangen glühen und die Fackeln lodern. Gerade hat sich der Abend über die Landschaft gesenkt, da streben zahllose Menschen zu den Sammelplätzen in den Sylter Ortschaften. Mit Pauken und Trompeten setzen sich die Fackelzüge schließlich in Bewegung – Musikvereine gehen mit klingendem Spiel vorweg. Dann, nach einer halben Stunde, ist das Ziel erreicht: Ein gewaltiger Stapel aus aufgeschichteten Tannenbäumen und Holzbalken. Nächtelang haben ihn junge Leute bewacht, damit ihn die Jugend aus den Nachbardörfern nicht etwa vorzeitig anzündet. Nun aber darf sie brennen, die Biike. Ein Tusch, dann fliegt die erste Fackel ins Geäst, Dutzende folgen. Bald steht die Biike in hellen Flammen und verströmt wohlige Wärme. Das Prasseln des Feuers wird zeitweilig von den Lautsprechern übertönt, aus denen die Festreden auf hochdeutsch und friesisch tönen. Nur die Feuerwehrleute haben keine Zeit, zuzuhören: Unermüdlich schenken sie Punsch an diejenigen aus, die keinen Rucksack mit Thermoskannen auf den Rücken geschnallt haben. Endlich, eine Stunde ist schon vorüber, naht der entscheidende Moment: Die Tonne, die inmitten der Flammen auf einem Pfahl thronte, stürzt in die Flammen – begleitet von allgemeinem Raunen: Jetzt ist der Winter vertrieben!

Am 21. Februar wird sich eben dieses Szenario wie jedes Jahr wiederholen. Dann nämlich feiern die Nordfriesen ihr Nationalfest, das Biikebrennen: Auf Sylt lodern dann neun mächtige Feuer in den nächtlichen Himmel. Die Ursprünge des Feuerrituals liegen in grauer Vorzeit. Als heidnische Opfergabe sollten die zehrenden Flammen die Götter gnädig stimmen und symbolisierten zugleich den Glauben an die Naturkräfte. In späterer Zeit standen die Biiken für die Vertreibung des Winters und dienten zeitweilig auch als Warnsignal – wenn etwa Piraten vor der Küste auftauchten, so sprach sich das wie ein Lauffeuer herum. Als sich im 17. und 18. Jahrhundert zahlreiche Bewohner der Insel als Seefahrer verdingten, wurden sie von den Daheimgebliebenen mit den Feuern verabschiedet. Im 19. Jahrhundert, die Ära des Walfangs war zuende gegangen, wandelte sich die Bedeutung der Biiken abermals: Seitdem stehen sie für die Zusammengehörigkeit und die Heimatliebe der Friesen ebenso wie für die Vertreibung des Winters.

Auch heute noch stimmen die Sylter am 21. Februar eines jeden Jahres einmütig die Strophen des Liedes "Üüs Söl'ring Lön" ("Unser Sylter Land") an. Mittlerweile wohnen auch viele Gäste dem feurigen Spektakel bei und kommen eigens zum Biikebrennen auf die Insel. Und wenn die Biiken langsam verglimmen, sitzt man gemütlich zusammen: Kaum eine heimische Küche, kaum ein Restaurant, das an diesem Abend nicht das traditionelle Biike-Gericht auftischt: Deftiger Grünkohl mit reichlich Fleisch, Wurst und Bratkartoffeln.

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Der Tipp wurde von Redaktion am 10. 02. 2009 hinzugefügt

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Biike
Nicht vergessen: für das Grünkohlessen nach der Biike rechtzeitig einen Tisch im Restaurant reservieren!
Geschrieben von Yvonne am 15. February 2012



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