Ulmer Schwörmontag

Auf dem Balkon vom Ulmer Schwörhaus leistet der Bürgermeister seinen Eid

Schwörmontag ist der Tag der Ulmer. Er fällt auf den vorletzten Montag im Juli. Das politische Ulm freut sich auf die Schwörfeier, in welcher der Oberbürgermeister Rechenschaft ablegt. Sie kennzeichnet Beginn und Ende des politischen Jahres in Ulm, nach dessen Ablauf die kommunalpolitische Sommerpause ausbricht. Wem die Schwörfeier zu trocken ist, der freut sich auf das nachmittägliche Nabaden (=Hinunter-Baden) in der assen Donau, das man Fremden am besten als karnevaleskes Treiben uf dem Wasser übersetzt. Und Freunde feuchtfröhlicher Zusammenkünfte der anderen Art fiebern dem abendlichen geselligen Beisammensein in der Friedrichsau entgegen, das auch für die Kinder wichtig ist, weil sie dabei ihre Lampions ausführen dürfen.

Was ist ein »Schwörmontag«? Das Wort deutet bereits an, dass es sich um einen Montag handeln muss, an dem geschworen wird, und dass es sich dabei um eine feste Einrichtung handelt. Doch wer schwört wem was und warum? Es ist der Ulmer Oberbürgermeister, der alljährlich vom Balkon des Schwörhauses aus den Ulmern zunächst berichtet, was sich in der Stadt seit dem vergangenen Schwörmontag getan hat. Anschließend erhebt er die rechte Hand und gelobt dem Stadtvolk, »Reichen und Armen ein gemeiner Mann zu sein in allen gleichen, gemeinsamen und redlichen Dingen ohne allen Vorbehalt, so wahr ihm Gott helfe«. Das ist die Schwörformel, mit der die jährliche Schwörrede endet. Um Missverständnisse zu vermeiden: »gemein« ist in diesem Falle von »Gemeinschaft« und nicht von »Gemeinheit« herzuleiten, auch wenn dies vereinzelt anders gesehen wird.

Diese Schwörformel ist mindestens sechseinhalb Jahrhunderte alt. Sie steht bereits in der ersten Verfassung, die in Ulm alljährlich nicht nur vom Bürgermeister, sondern auch von der Bürgerschaft beschworen und höchstwahrscheinlich im Jahr 1345 verabschiedet wurde. Damals gelobte der Bürgermeister noch auf gut mittelhochdeutsch, »ain gemainer man ze sin richen und armen uf alliu gemainiu und redlichiu ding«. Die Wendung »Reiche und Arme« zielte weniger auf die Eigentumsverhältnisse als vielmehr auf die gesellschaftliche Position: Sie war die amtliche Umschreibung für die beiden wichtigsten Stände, nämlich für den Stadtadel, auch »Patrizier« oder »Geschlechter« genannt, und für die Zünfte.

Der Bürgermeister war stets ein Patrizier. Sein Versprechen, beiden Parteien gleichermaßen dienen zu wollen, war damals von besonderer Bedeutung. Denn auch in Ulm kämpften die wirtschaftlich erstarkten Zünfte im 14. Jahrhundert um einen Anteil an der politischen Macht, der ihrer starken wirtschaftlichen Stellung entsprach.

Wie stark die war, ist in Ulm heute noch täglich mit einem Blick zu erfassen, nämlich mit einem Blick auf das Münster. Dessen wahre Größe gipfelt nämlich nicht im höchsten Kirchturm der Welt. Denn der hat die Rekordmarke von 161,53 Metern erst bei seiner Vollendung 1890 erreicht. Die wahre Bedeutung liegt vielmehr darin, dass das 1377 gegründete Münster die größte Bürgerkirche im deutschsprachigen Raum ist.

Das heißt: Das Münster wurde nicht von irgendwelchen kirchlichen oder weltlichen Potentaten finanziert, sondern von den Bürgern der Stadt. Und es darf wohl behauptet werden, dass die Mittel der Patrizier allein dafür nicht ausgereicht hätten. Somit ist das Ulmer Münster sichtbares Zeichen dafür, dass die Stadt im 14. Jahrhundert in hoher wirtschaftlicher Blüte stand – und das war die Leistung der Zünfte. Die konnten allerdings erst nach harten Auseinandersetzungen, welche der Sage nach recht blutig verlaufen sind, den politischen Einfluß erringen, der ihnen zukam. Die bereits erwähnte Verfassung von 1345, auch »Kleiner Schwörbrief« genannt, schrieb fest, dass die Zünfte die Mehrheit im Rat hatten. Der umfasste 32 Mitglieder, davon 17 aus den Zünften und 15 aus dem Patriziat- den Bürgermeister mitgerechnet.

Allerdings scheint diese relativ knappe Mehrheit nicht ausgereicht zu haben, um die Vorherrschaft der Patrizier zu brechen. Trotz des jährlich von der Gemeinschaft beschworenen Willens zur friedlichen Koexistenz flammten erneut Konflikte auf, aus denen die Zünfte abermals als Sieger hervorgingen. Der Rat wurde um 40 Mitglieder erweitert, wovon 30 von den Zünften und nur zehn von den »GeschIechtern« entsandt wurden. Somit stand das Verhältnis nunmehr 47:25 für die Zünftler. Und diese neuen Zustände wurden in der Verfassung von 1397, dem »Großen Schwörbrief«, festgeschrieben. Jene neue Verfassung war es nun, die Jahr für Jahr am St.-Jörgen-Tag, dem 23. April, von Stadtregierung und Stadtvolk beschworen wurde.

Doch diese Tradition wurde von Kaiser Karl V. im August 1548 jäh beendet. Er wollte den Einfluss der Zünfte brechen, verbot sie, jagte ihre Vertreter aus dem Rat und reduzierte diesen auf 32 Mitglieder. Das war auch das vorläufige Ende des Schwörtages. Doch die Ulmer wollten sich damit nicht abfinden und erreichten schließlich, dass sie ihren Verfassungstag wieder in gewohnter Weise begehen durften.

Von 1558 an gab es dann also wieder einen Schwörtag, welcher der Form nach dem alten entspräche. Doch die politischen Kräfteverhältnisse waren umgekehrt: Der seit 1556 auf 42 Mitglieder aufgestockte Rat blieb aristokratisch beherrscht. Und noch etwas hatte sich geändert: Die jährliche Ratsänderung blieb bei dem vom Kaiser eingeführten August-Termin. Und als Schwörtag etablierte sich der Montag nach den Ratswahlen. Dabei blieb es, bis Ulm 1802 den Status der Freien Reichsstadt verlor und bayerisch wurde. Damit hatte die Stadt keine eigene Verfassung mehr, welche es zu beschwören galt. Und damit hatte der Schwörtag seinen Sinn verloren.

Das geschah auch in anderen Städten, denn der Schwörtag war keineswegs eine Ulmer Eigenart, sondern vor allem in den Städten Süddeutschlands und der Schweiz, aber auch weiter nördlich verbreitet. Was die Ulmer allerdings von den anderen unterschied, ist die Hartnäckigkeit, mit der sie auch jetzt wieder an ihrem Schwörmontag festhielten. Dies äußerte sich darin, dass nach dessen Abschaffung zumindest der gesellige Teil, nämlich das abendliche Feiern in der Friedrichsau, unverdrossen weiterzelebriert wurde, bis zu Beginn dieses Jahrhunderts immer wieder der Wunsch nach einer Wiederbelebung auch des politischen Schwörmontags laut wurde.

Es darf nicht verschwiegen werden, dass es die Nationalsozialisten waren, die mit ihrem untrüglichen Sinn für propagandistische Effekte diesen Wunsch geschickt aufgegriffen haben und ihren Oberbürgermeister am Schwörmontag des Jahres 1933 mit einer Massenveranstaltung im Stadion inthronisierten.

Dessen ungeachtet behielt Ulm nach dem Krieg den politischen Schwörmontag bei. Doch während die Nazis ihn genutzt hatten, um den Gedanken von Führerschaft und Gefolgschaft zu suggerieren, trat nun das demokratische Element in den Vordergrund. Die alte Schwörformel wurde wiederbelebt und wird, ins Neuhochdeutsche übersetzt, seit 1949 alljährlich vom Ulmer Oberbürgermeister neu beeidet.

Vielleicht fragt sich nun die eine oder der andere angesichts der jährlichen Wiederkehr dieses Schwurs, ob denn ein Eid, der ja normalerweise kein Verfallsdatum kennt, nur von begrenzter Haltbarkeit ist, wenn er von einem Ulmer Stadtoberhaupt gesprochen wird. Die Antwort liegt in der Reichsstadtzeit. Damals nämlich wurde, wie oben schon angedeutet, der Bürgermeister jährlich neu gewählt und legte am Schwörtag seinen Amtseid ab. Heute spricht der Oberbürgermeister seinen offiziellen Amtseid n9türlich nur einmal, nämlich beim Amtsantritt. Dass er darüber hinaus alljährlich gelobt, allen ein gemeiner Mann zu sein, wertet niemand als Indiz für verminderte Glaubwürdigkeit. Denn schließlich handelt es sich hier um Tradition.

Überaus traditionsreich ist auch der Ort, wo die Schwörfeier stattfindet, der Weinhof. Es ist der älteste Teil der Stadt. Hier war die Königspfalz, in der am 22. Juli 854 jene Urkunde besiegelt wurde, die erstmals Ulms Existenz nachweist. Hier wurde schon immer geschworen, zunächst in einem »Schwörhäuslein«, einer Arkade, die an den Turm der Pfalzkapelle angebaut war. Turm und Kapelle wurden abgerissen und 1612 durch ein neues Schwörhaus ersetzt, was vermutlich einmalig ist. Denn Schwörtage gab es, wie gesagt, auch anderswo. Doch die Ulmer waren wohl die einzigen, die für diesen einen Tag im Jahr eigens ein solch stattliches Haus gebaut haben. 1785 ist es abgebrannt, aber vier Jahre später wiedererrichtet worden. Nach schweren Beschädigungen im letzten Krieg wurde das Schwörhaus am Schwörmontag 1954 zur Ulmer 1100-Jahr-Feier erneut »in Betrieb genommen«.

Untrennbar mit dem Schwörmontag verbunden ist heutzutage das Nabaden. Zur Reichsstadtzeit fand alle zwei Jahre am Dienstag nach dem Schwörmontag das Fischerstechen statt, und in den Jahren dazwischen huldigten ebenfalls die Fischer dem Brauch des »Bäuerle-Herunterfahrens«. Das war ein Klamauk auf der Donau, der zu den Vorläufern des Nabadens zu rechnen ist. Hinzu kamen während des vorigen Jahrhunderts weitere Elemente wie die biedermeierlichen Wasserfahrten und Wasserpantomimen, die auch an manchem Schwörtag veranstaltet wurden.

Das namengebende Nabaden war zunächst ein schlichtes sommerliches Badevergnügen gewesen, ein Sich-Hinuntertreibenlassen zu den Ausflugsstätten. Daraus hat sich ein regelrechtes Volksfest in der Donau entwickelt. Daneben gleiten seit 1967 am Samstag vor dem Schwörmontag 8000 Lichter die Donau hinunter, das ist die Lichterserenade. Die Schwörwoche vor dem Schwörmontag ist gefüllt mit Veranstaltungen. Alle vier Jahre findet um den Schwörmontag herum das Fischerstechen statt und -dazwischen- ebenfalls alle vier Jahre der Ulmer Bindertanz. Der Schwörmontag ist den Ulmern also der Festmittelpunkt des Jahres. Das war schon immer so, und das dürfte auch der Grund gewesen sein, warum er als einziger Schwörtag das Ende der Reichsstädte überlebt hat.

Adresse:


Schwörhaus
Weinhof 12
89073 Ulm


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Der Tipp wurde von Redaktion am 07. 08. 2009 hinzugefügt

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Karte Ulm: Lage und Anfahrt Ulmer Schwörmontag


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Ulmer Schwörmontag im Netz
www.schwoermontag.com - alle Infos rund um den Ulmer Schwörmontag
Geschrieben von Nils am 06. October 2009



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