Ulmer Rathaus

Ulmer Rathaus
Rathaus Ulm ©Drombalan CC

Das sehr schön verzierte Rathaus von Ulm

„Viele Gesetze können wir mit dem Spinnennetz vergleichen, das starken Wespen nichts schadet, das aber viele kleine Fliegen tötet.“ Ein solcher Spruch an der Fassade eines Parlamentsgebäudes legt den Verdacht nahe, dass anarchistische Sprayer am Werk waren. In Ulm dürfte es jedoch kein geringerer als der Stadtmaler Martin Schaffner gewesen sein, der diese Sentenz 1540 an die Wand des Rathaus gepinselt hat – im Auftrag des Rates und im Rahmen der Neugestaltung des damals schon altehrwürdigen Gebäudes. Das Gleichnis von Gesetz und Spinnennetz prangt noch heute im schmalen Feld zwischen dem zweiten und dritten westlichen Fenster im ersten Obergeschoss der Rathaus-Nordfassade, wenn auch der gereimte frühneuhochdeutsche Text schwer zu entziffern ist. Leichter verständlich ist die Weisheit im benachbarten Feld, die im O-Ton lautet: „Vil Gut der Frumm mit Reden stifft, Ein böse Zung vil Leut vergifft.“

So geriet das Ulmer Rathaus zu einem erbaulichen Bilderbogen, dessen Ostseite unter den Stichwörtern „Göttliche Weisheit“, „Selbsterkenntnis“, „Gerechtigkeit“, „Geduld“, „Liebe“, „Hoffnung“, „Glaube“, „heimlicher Neid“ und „kindischer Rat“ vorwiegend biblische Beispiele, wie das vom verlorenen Sohn, von König Salomo, Hiob, David & Goliath etc. vor Augen führt. Die Nordfassade hingegen zeigt Themen aus der römischen Sagenwelt zu den Themen „Kriegs-Ehrbarkeit“, „männliche Kühnheit“, „Gerechtigkeit“ und „Gehorsam“. Die Auseinandersetzung mit diesen Themen lag im Geist der Zeit.

Von völlig anderem Charakter sind die Bilder an der Südfassade. Deren ursprünglicher Bildschmuck ist nicht überliefert. Als 1905 bei der umfassenden Restaurierung des reichlich ramponierten Rathauses die schon beinahe verschwundene Original-Bemalung rekonstruiert wurde, fiel die Entscheidung, die Südfront neu zu gestalten. In den Südgiebel wurde eine „Ulmer Schachtel“ gemalt, über der die Wappen jener Städte und Länder emporsteigen, mit denen Ulm Handel getrieben hat. Unten ist zu sehen, wie die Ulmer anno 1376 siegreich in die Stadt zurückkehrten: Es war ihnen gelungen, Kaiser Karl IV., der die Stadt belagert hatte, in die Flucht zu schlagen. Die ursprüngliche Bemalung des 16. Jahrhunderts war geschaffen worden anlässlich einer Generalsanierung, die 1540 beendet war.

Dabei war der älteste Teil des Komplexes, der Nordflügel, abgerissen und neu gebaut worden. Er hatte ursprünglich dem Handel gedient: 1369 hatten die Sattler das Recht erhalten, ihre Ware in 13 Läden feilzuhalten, weswegen die 1944 hinweggebombte Straße bis damals „Sattlergasse“ hieß. Im Erdgeschoss-Gewölbe hatten die Metzger ihre Fleischbänke. Dieser Nordtrakt wurde 1357 als „Gewandhaus“ bezeichnet, 1362 als „Kaufhaus“. Von diesem ältesten Teil sind nur die Kellergewölbe erhalten, die noch lange Zeit als Gefängnis dienten. Als in den Jahren 1370/71 der Ostflügel an das Kaufhaus gefügt wurde, war noch immer nicht von einem „Rathaus“ die Rede, sondern von einem „neuen Kaufhaus. Es lag nahe, den Sitz der politischen Macht, die ursprünglich in der Pfalz auf dem Weinhof beheimatet war, in das Wirtschaftszentrum zu verlegen. Ein Indiz für diesen Verlagerungsprozess ist, dass das Gewand- oder Kaufhaus 1383 plötzlich als „Gerichtshaus“ bezeichnet wird. Wo der Ulmer Rat zu tagen pflegte, wissen wir erst für die Zeit von 1346 an. Spätestens seit 1395 aber hatte er eine eigene Ratsstube im Kaufhaus, das 1419 endlich „Rathaus“ genannt wird.

Alle finden sie wunderschön, aber kaum einer versteht sie: die astronomische Uhr im Ostgiebel. So sehr ihre vier Zeiger und zahlreichen weiteren Elemente verwirren, folgen sie doch einem recht einfachen Prinzip: Der Betrachter steht in der Mitte des Zifferblattes und wird umkreist von der Sonne, dem Mond und den Tierkreiszeichen. Steht die Sonne oben, ist Mittag. Doch würde es hier zu weit führen, die insgesamt 14 Funktionen dieser Uhr zu erklären. Die astronomische Uhr des Ulmer Rathauses scheint im 16. Jahrhundert eine solche Sensation gewesen zu sein, dass sie in einem 1566/67 gereimten Lobgedicht auf Ulm als einmalig in ganz „Teutschland“ gepriesen wird. Heute steuert ein modernes Uhrwerk den komplexen Mechanismus. Das Innere des Rathauses ist im Bombenhagel des 17. Dezember 1944 weitgehend zerstört worden. Es wurde Ende der 80er Jahre noch einmal gründlich umgebaut, und seither hängt im Lichthof eine Nachbildung des Hängegleiters von Albrecht Ludwig Berblinger. So hieß der „Schneider von Ulm“, der 1811 mit seinem durchaus flugtauglichen Gerät aufgrund ungüstiger Thermik unsanft in der Donau landete.

Eine kleine Kostbarkeit hat in einem der östlichen Ratsfenster die Jahrhunderte überlebt: eine Glassonnenuhr. Sie kann jedoch nur die vormittäglichen Stunden zeigen, was insofern egal war, als der Ulmer Rat zur Reichsstadtzeit nur vormittags tagte. Am prächtigsten präsentiert sich das Ulmer Rathaus in der Woche vor dem Schwörmontag, den die Stadt am zweitletzten Montag im Juli feiert. Aus den Fenstern hängen dann die Wappentücher der Ulmer Patrizier und Kaufmannsfamilien, und zahlreiche Fahnen erinnern an die Ulmer Geschichte, die seit Jahrhunderten von dieser Stelle aus gestaltet wird.

Adresse:


Ulmer Rathaus
Marktplatz 1
89073 Ulm

Tel: 0)731 161-3333
Fax: 0)731 161-1613

Homepage: Ulmer Rathaus

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Der Tipp wurde von Redaktion am 07. 08. 2009 hinzugefügt

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