Bundesfestung Ulm

Bundesfestung Ulm
Bundesfestung Ulm ©Peter Weller GNU

Eine beeindruckende Doppelkaponniere der Kienlesbergbastion

Nach den Wirren der Napoleonischen Kriege, die mit der Niederlage Napoleons am 18. Juni 1815 bei Waterloo ihr Ende fanden, wurde während des Wiener Kongresses im gleichem Jahr unter österreichischem Vorsitz der Deutsche Bund gegründet. Die Gebietsveränderungen in Mitteleuropa, die unter dem Druck des französischen Kaisers entstanden, waren vielfältig und tiefgreifend. Von einer stabilen politischen Lage im deutschsprachigen Raum konnte noch keine Rede sein. Die politische und militärische Führung des Deutschen Bundes sah es als Hauptaufgabe, den neuen Staatenbund nach außen und vor allem auch nach innen zu sichern und zu stärken. Dazu waren neben politischen Maßnahmen auch militärische Einrichtungen notwendig. Es entstanden Garnisonen für die Bundestruppen, vor allem aber mussten Festungen geplant und gebaut werden.

Neben den neuen Landesfestungen, zum Beispiel Ingolstadt und Koblenz, kam es zum Bau der Bundesfestungen Landau, Luxemburg, Mainz, Rastatt und Ulm. Während die erstgenannten Grenzfestungen waren, sollte Ulm zum Rückhalt einer in Südwestdeutschland operierenden Armee werden, gleichzeitig aber auch Ausgangspunkt für Operationen, die über den Mittelrhein gegen Frankreich zu führen gewesen wären. Bundesfestungen erhielten diesen Namen, weil sie vom Deutschen Bund zentral finanziert wurden. Die Mittel dafür stammten aus den französischen Kriegsentschädigungen von 1815. Die Bezeichnung ist auch auf die gemischte Besatzung aus verschiedenen Bundestruppen in Ulm: Württemberger, Bayern und Österreicher -zurückzuführen. Die Festung Ulm wurde zu einer Zentralfestung ersten Ranges und zu einem großen Waffenplatz.

Da Württemberg über kein eigenes Ingenieurkorps verfügte, wurde der preußische Major von Prittwitz und Gaffron nach Ulm berufen und vom württembergischen König zum Festungsbaudirektor ernannt. Den Festungsbau der bayerischen Seite von Ulm leitete Major von Hildebrandt. Major von Prittwitz plante mit großem Weitblick, wobei er vor allem die Entwicklung der Stadt voraussah. Für die Festung Ulm verwendete er brauchbare Konstruktionen älterer Befestigungssysteme, besonders die genialen Entwürfe Montalemberts (1714 -1800). Aus dieser sinnvollen Verschmelzung verschiedener Vorgaben und eigener Vorstellungen von Prittwitz' entstand die "neupreußische" oder "neue deutsche Befestigung". Ulm sollte zum monumentalen Ausdruck dieser Idee werden.

Hauptmerkmale dieser Art Festung sind das Polygon und die mächtigen mehrgeschossigen Kasemattbauten, die auch im Grabensystem zu finden sind. Damit war die Zeit der Bastionärfestung mit ihrem regeImäßigen Grundriß endgültig vorbei. Zwei Gegebenheiten hatte von Prittwitz zu berücksichtigen: Zum einen waren Höhenzüge im Westen, Norden und Nordosten der Stadt für den Bau von beherrschenden Außenforts wie geschaffen, zum anderen ermöglichten die Donau und die Blau mit ihren Niederungen den Bau von nassen Festungsgräben. Ulm sollte eine gewaltige Ringfestung erhalten. Sie besteht noch heute aus zwei lagemäßig grundverschiedenen Teilen: Um die Städte Ulm und Neu-Ulm schließt sich ellipsenförmig die Hauptumwallung. Um diesen Ring liegen die Außenforts, und zwar in Neu-Ulm auf gleicher Ebene der Umwallung. in Ulm auf markanten Punkten über der Stadt mit einer Ausnahme.

Stärkster Teil der Umwallung ist die Wilhelmsburg mit der Wilhelmsfeste auf dem Michelsberg – die Zitadelle. Beidseitig davon führen die Bergfronten zur Stadt hinunter, gefolgt von Kernwerken innerhalb der Umwallung mit den Haupttoren der Festung ulmischer Seite (Ehinger- Blaubeurer-, Stuttgarter- und Friedrichsau- Tor). Jeweils gegenüber den Donauanschlüssen linken Ufers setzt sich auf der rechten Flussseite die Stadtumwallung Neu-Ulms fort. Dieser Festungsteil war ein groß angelegter Brückenkopf. Die Stadt Neu-Ulm wurde nach Fertigstellung der Umwallung in diesen Brückenkopf "hineingebaut". Truppen konnten, durch den Brückenkopf gedeckt, ungehindert die Donau überqueren. Das Augsburger und das Memminger Tor verbanden auf Neu-Ulmer Seite das Festungsinnere mit dem umliegenden Straßennetz.

Die Außenforts bildeten wichtige Stützpunkte bei der Verteidigung der Festung. Sie wurden deshalb auch besonders stark angelegt. Ihre Gestaltung ist von erstaunlicher Vielfalt. Den Kuhberg schützten drei gestaffelt angelegte Forts: Unterer, Mittlerer und Oberer Kuhberg. (Das Fort Oberer Kuhberg wird seit vielen Jahren vom "Förderkreis Bundesfestung Ulm e. V." restauriert und gepflegt. Die mächtige Anlage befindet sich heute wieder nahezu in ihrem ursprünglichen Zustand.) Die Hänge des Eselsberges und die Anhöhe selbst beherrschen die Forts Söflinger Turm, Unterer Eselsberg und die beiden erst 1881 bis 1887 gebauten Forts Oberer Eselsberg, Haupt und Nebenwerk. Nördlich der Wilhelmsfeste liegt, das Hochplateau der beginnenden Alb sichernd, das Fort Prittwitz, ursprünglich Fort Avancè.
Der starke Örlinger Turm schützt das Örlinger Tal und die Bahnlinie nach Stuttgart. Auf der Anhöhe des Safranberges liegt das große Fort Albeck mit seinem Nebenwerk Safranturm. Schließlich folgt dicht an der Donau, und damit in der Ebene liegend, das Fort Friedrichsau.

Die Neu-Ulmer Umwallung umgeben die Forts Schwaighofen, Ludwigsvorfeste und Illerkanal. Die Bundesfestung Ulm wurde von 1842 bis 1859 gebaut. Ihre Grundsteinlegung erfolgte am 18.0ktober 1844, dem Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig, im Fundament des Kehlturms der Wilhelmsburg. Die Außenbegrenzung wurde 9 Kilometer lang; die Gesamtfläche beträgt 335 Hektar , gegenüber 66 Hektar des damals bebauten Stadtgebietes. Nach der Reichsgründung erfolgte eine Verstärkung der bestehenden Festungsanlagen und eine Erweiterung der gesamten Festungsanlagen überhaupt. In lockerer Anordnung entstand zwischen 1900 und 1914 ein vorgeschobener Ring von Betonwerken, die heute in der Bundesrepublik einmalig sind.

Die Baukosten der Bundesfestung betrugen 16,5 Millionen Gulden. Der mittlere Tageslohn der Festungsarbeiter betrug etwa 40 Kreuzer; 5 Pfund Roggenbrot kosteten 9, eine Maß Bier 8 Kreuzer. Der Höchststand an Arbeitskräften wurde 1848 erreicht: Neben 2 000 Eisenbahnarbeitern waren über 8 000 Mann beim Festungsbau beschäftigt. Die Weißjura- Kalksteinbrüche des nahen Blautals lieferten gewaltige Mengen von Baumaterial. Die Backsteine, die vor allem auf Neu-Ulmer Seite verwendet wurden, stammten aus regieeigenen Ziegeleien. Neben anderen Industriezweigen entwickelte sich durch den Festungsbau in Ulm vor allem die Zementindustrie.

Die Friedensbesatzung betrug 5 000 Mann, von denen Württemberg mit 3300 Mann den Hauptanteil hatte. Für den Ernstfall waren 18 000 bis 20 000 Soldaten vorgesehen. Durch entsprechenden Ausbau hätte die Festung Ulm Platz für 100 000 Mann geboten. Ulm hatte zu Beginn des Festungsbaus 16231 Einwohner, Ende des vergangenen Jahrhunderts etwa 43000. Ulm wurde durch die Festung zur großen Garnisonsstadt -und ist es bis heute geblieben. Da die Bundesfestung nie direkten Kriegseinwirkungen ausgesetzt war und weil sie von den Bestimmungen des Versailler Vertrages verschont blieb, sind ganz erhebliche Teile erhalten geblieben. Sie tragen dazu bei, die Identität der Stadt zu wahren, die durch verheerende Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg so stark gelitten hat.

Viele Probleme gibt es bei der Erhaltung der Festungsanlagen. Nur durch eine sinnvolle Nutzung ist der Bauunterhalt für die Zukunft gewährleistet. Das gilt ganz besonders auch für die Freianlagen der Forts. Beträchtliche Teile wurden schon von den beiden Städten und vom Bund restauriert und vor allem Jugendgruppen zur Verfügung gestellt. Besondere Bedeutung gewinnen die groß angelegten Glacisanlagen als Naherholungsgebiete. Die Städte Ulm und Neu-Ulm durchzieht durch diese Anlagen ein in sich geschlossener Grüngürtel. Die Festungsbauten selbst beherrschen mit ihrer großartigen Architektur an vielen Stellen das Stadtbild der beiden Nachbarstädte.

Homepage: Bundesfestung Ulm

(15 Bewertungen)

Der Tipp wurde von Redaktion am 07. 08. 2009 hinzugefügt

Tipp bewerten:   

Bitte bewerten Sie den Tipp als solchen und nicht das Bild oder die Beschreibung

Karte Ulm: Lage und Anfahrt Bundesfestung Ulm


Kommentare

Mit Ihrem Kommentar können Sie den Tipp ergänzen und anderen Sufern nützliche Informationen mitteilen. Bitte halten Sie sich bei einem Kommentar an die Netiquette. Einen Kommentar schreiben

Es ist noch kein Kommentar eingetragen


Einen Komentar zu "Bundesfestung Ulm" hinzufügen

Bewertung*:
Name*:
EMail Adresse:
Betreff*:
Spamschutz*: Bitte die Summe von 8 plus 4 eintragen
Tipps